Capitalisti!

Es war im Jänner 1999. Ich war zu einer Reisemesse nach Neapel eingeladen und wohnte in Sorrent. Es war ein ausgesprochen kalter Jänner, auch für süditalienische Verhältnisse: Frost und Minusgrade. Zu meiner „Freude“ fand die Reisemesse in einer Halle der Schiffsanlegestelle in Neapel statt: schön aus Beton gebaut, a bisserl zugig und nicht beheizt; ein paar Wärmespender vermittelten einen halben Meter in ihrem Umkreis etwas Wärme und versuchten so die Kälte zu vertreiben; ich saß mit angezogenen Handschuhen bei meinem Tisch und versuchte so gut es ging den Vormittag zu verbringen.

Das Mittagessen war spät, so nach 14 Uhr, und es gab viel zu wenig zu Essen für die viel zu viele Leut‘ – da haben sich nämlich wieder dutzendweise Italiener dazu eingeladen, für die eigentlich gar nix vorgesehen war… Also so gegen 16 Uhr wurde es mir zu fade und vor allem zu kalt; der Transferbus nach Sorrent war jedoch erst für „so 18 Uhr“ geplant; also marschierte ich hinaus aus dem Hafengelände, fragte einen Taxifahrer, was die Fuhre nach Sorrent denn kosten würde.

90.000 Lire – fast € 50.– – das war mir zu teuer, na gut, er macht’s auch für 70.000 Lire, etwa € 35.–. Ich stieg also ein und ab ging die Post. Eiskalt ist es im Taxi gewesen, ob er denn nicht einheizen könnte? Nein, die Heizung sei kaputt (oder waren’s jetzt die 20.000 Lire, die er weniger bekommen sollte?). Woher ich denn komme, was ich denn tue und wie viele Kinder ich hätte, fragte mich der Taxifahrer. Ich betrachtete ihn näher: ein älteres Männlein mit dicken, mit sehr dicken Brillen. Ja, er sähe schon fast nichts mehr, aber das Gefühl, ja, mit Gefühl fahre er sicher – und ziemlich schnell…

Es dunkelte immer mehr, viel Verkehr, wir kamen Sorrent immer näher. Ja, wo denn mein Hotel sei, fragte er immer wieder. Durch Sorrent durch, gleich bei der ersten Steigung – nein, nein, er glaube mir nun kein Wort mehr, wo ich doch ein Capitalisti bin, einer, der Geld hat, sonst könnte er sich doch die Fahrt gar nicht leisten, begann er zu schimpfen – capitalisti! Und überhaupt: er blieb plötzlich mitten in Sorrent stehen, er müsse heim zu seiner Familie, wenn’s ganz dunkel sei, sieht er überhaupt nix mehr, wer weiß, wo mein Hotel wirklich sei – aussteigen, zahlen, avvanti! Sprach’s und ich fand mich auf der Straße. Gott-sei-Dank waren es nur mehr ein paar Kilometer und die brachte ich, unterbrochen durch ein paar Einkehrschwünge in Bars, auch noch hinter mich!

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