Herbst in Italien

Das Laub fällt langsam ab, die Weinreben sind geerntet, Nebelschwaden ziehen schon manchmal auf, Herbst in Italien. Die Fahrt führt mich durch eine Hügellandschaft. Nach der nächsten Biegung öffnet sich der Blick auf ein sanft geschwungenes Tal, an dessen Hänge die goldgelben Blätter der Weinstöcke im Licht der Sonne des späten Nachmittags leuchten. Oberhalb, auf einem kleinen Hügel, liegt ein Landgut. Das Hauptgebäude ist schon halb mit Weinranken verwachsen, die nun ebenfalls in der herbstlichen Farbenpracht erstrahlen. Die alte Mauer, die wahrscheinlich einst das ganze Landgut umgab, steht nur mehr in Fragmenten. Aber noch deutlich genug, um den Besucher zu beeindrucken.

Ich biege bei der nächsten Villa ab und fahre durch Weingärten, vorbei an einem einsam gelegenen Friedhof und nach ein paar weiteren Kurven bleibe ich auf einem Schotterplatz stehen. Wenige Schritte führen mich zu einer Agriturismo, einem landwirtschaftlichen Betrieb, der Speisen anbietet und manchmal auch Zimmer vermietet. Ein Mann betritt die Wirtsstube, bekommt ein Glas Wein und schwatzt ein wenig mit den Leuten – Ombra nennen es die Menschen im Veneto – ein Gläschen nach Feierabend mit Freunden zu nehmen, bevor es nach Hause geht.

Draußen versinkt der Feuerball der Sonne hinter den Hügeln, wieder beginnen sich Nebel und Dunkelheit übers Land zu senken. Aus einem großen Blutzer, einer überdimensionalen Weinflasche, füllt der Wirt Wein in Flaschen und schenkt die Gläser ein. Bei einem Glaserl "Vino dolce", wie der heurige Wein, der Sturm, manchmal in Italien bezeichnet wird und ein paar Happen Prosciutto und Käse, lasse ich den Tag noch einmal in Gedanken vorüber ziehen.

Er begann mit einem Spaziergang durch jenes alte Dorf, das noch komplett von einer Zinnen gekrönten Mauer umgeben ist. Kopfsteinpflaster in den Gassen, überall war ein mehr oder weniger freundliches "buon giorno" zu hören und der gute Duft von frischem Brot wehte über den Platz.

Nur ein paar Kilometer weiter fand ich ein Hinweisschild, das mich zur ersten Villa von Andrea Palladio führte. Um genau zu sein, waren es dann zwei Villen, die auf halber Höhe des Hanges schon von weitem zu sehen
waren. Kein Touristenbus, kein Lärm, nur ländliche Ruhe und Einsamkeit. Schlurfend, in Filzpantoffeln, den prachtvollen Steinboden schonend, sah ich mir die Fresken verzierten Räume und das kleine Bett an. Ja, es gehörte eigentlich nicht dahin, das Bett, aber, so sagte mir die Signora, so sehen es wenigstens die Besucher.

Es ist Herbst in Italien. Das merkt man auch an der Kleidung der Italiener. Während wir noch mit einem warmen Pullover in den späten Tagen des Oktobers auskommen, laufen die Italiener trotz der milden Temperaturen schon Pelz behangen und mit langen Stiefel, tief vermummt in Mäntel und Anorak herum.

Zur Mittagszeit hat die Sonne in Italien noch etwas Kraft. Wärmend fällt sie dann auf die hochgeklappten Stühle und mit Laub bedeckten Tische im Gastgarten der Trattoria. Nein, nein, Essen nur mehr drinnen – im Freien ist es doch schon viel zu kalt! Kopfschütteld bittet mich der Patrone in die Wirtsstube.

Also ließ ich mir einen Tisch im Eck der Gaststube geben. Ich hörte Italienisch um mich herum, während ich die wunderschöne Holzdecke bestaunte. Es ist Herbst in Italien und Touristen kommen nur mehr wenige hierher erzählte mir der Kellner. Es ist ruhig geworden im Dorf. Zeit für einen Plausch mit dem Österreicher – "Parla bene italiano!" meinte er bewundernd, ich spräche gut Italienisch, "no, no" erwiderte ich, " basta solo per parlare un po con la gente", es reicht, um ein wenig mit den Menschen zu plaudern.

Parlare con la gente – mit den Menschen reden, das kann man im Herbst recht gut. Die Cafès nur mehr von Einheimischen besucht, am Markt fehlen die feilschenden Touristen – "in Italien muss man handeln" scheint ihr Motto manchmal zu sein. Oh, diese armen Touristen – der Balkan liegt ganz woanders! Zeitung lesen, einen Cappuccino trinken, genießen, das scheinen sich im Spätherbst dann wohl auch die Italiener wieder zu sagen, wenn sich der Gang der täglichen Arbeit verlangsamt und die Tage kühler und kürzer werden.

Das Licht war schon deutlich schwächer als ich weiter fuhr, durch das sanft geschwungene Tal mit den Weinstöcken.

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