Im Schatten des Pols – Auf Shackletons Spuren: über ein Buch und seine Hintergründe

Im Schatten des Pols  Ernest Shackleton

Abfahrt von Ernest Shackleton am 24. Mai 1916 von Elephant Island in der „James Caird“ (Foto: in wikimedia commons unter freier Lizenz (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:AllSafeAllWell.jpg))

96 Jahre nach einer abenteuerlichen Expedition in der Antarktis des britischen Forschers Sir Ernest Henry Shackleton segelten vier, wie soll man sie nennen, Abenteurer, Lebenslustige, Waghalsige, Wahnsinnige? die waghalsige Strecke nochmals. Aus Vergnügen am Leiden. Nun, 100 Jahre nach dieser Expedition ist eine Neuausgabe des Reisebuches dieser vier Menschen erschienen.

Wie es zur sinnlosen Reise im Jahr 2000 kam
1916 rettet Sir Ernest Shackleton mit Hilfe eines kleinen hölzernen Beibootes alle 27 Mitglieder seiner im Packeis gescheiterten Polar-Expedition, die 1914 gestartet war. Fast ein Jahrhundert später startet Arved Fuchs mit nahezu identischer Ausrüstung, um die Rettungstat Shackletons zu wiederholen. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten als nur die Tatsache, dass beide in einem winzigen Rettungsboot das antarktische Eis am Südpol durchsegelt haben. Sir Ernest Shackleton und Arved Fuchs sind leidenschaftliche Abenteurer. Heil zurückkommen, war beiden immer wichtiger als zuerst am Ziel zu sein. Es gibt aber auch bedeutsame Unterschiede: Shackleton wurde bekannt durch seine missglückte Expedition, Arved Fuchs hat sich einen Namen gemacht durch viele erfolgreich bestandene Extremreisen.

Im Schatten des Pols Arved Fuchs

in diesem Boot, der „James Caird II“ segelten die vier Abenteurer auf den Spuren Shackletons (Foto: Verlag Delius Klasing)

In seinem Buch „Im Schatten des Pols“ beschreibt Autor Fuchs den spektakulären Versuch, die Rettungsaktion von Sir Ernest Shackleton nachzuerleben. Shackletons Segelschiff, die „Endurance“ (Ausdauer, Durchhaltevermögen, Standhaftigkeit) wird vom Packeis zerdrückt. Die Mannschaft kann sich auf eine unbewohnte Insel im Eismeer retten. Von hier aus bricht Shackleton mit dem Beiboot „James Caird“ und einer Handvoll Männer auf, um Hilfe zu holen. Seine Expedition ist gescheitert – seine Rettungstat glückt: Alle 27 Männer der „Endurance“ überleben. Fuchs startet am 19. Januar 2000 in einem kleinen Holzboot, das er nach den Originalplänen der „James Caird“ gebaut hat, ins antarktische Meer. Am 10. Februar 2000 erreicht er das Ziel Südgeorgien.

Ein faszinierendes Buch über eine sinnlose Reise von Abenteurern
„Es nützt uns. Es ist nach unseren Maßgaben ein Stückchen sinnvolle Lebensgestaltung“ meint der Abenteurer Arved Fuchs zur Frage, wem die Reise denn eigentlich nützt. An anderer Stelle meint Fuchs, Journalisten am Schreibtisch sollen nicht urteilen, da sie die Reise nicht selbst miterlebt haben und sich das Leiden, die Angst, die Entbehrungen und Stürme nicht vorstellen können.

Sir Ernest Shackleton hatte mit seiner unvorstellbaren Reise in einem sieben Meter kleinen Segelboot in der Antarktis nur ein Ziel vor Augen: seine 27köpfige Mannschaft nach dem Untergang des Expeditionsschiffes „Endurance“ zu retten. Hätte er damals Anfang 1916 seine aus heutiger Sicht hoffnungslose Rettungsfahrt nicht unternommen, wären alle in der Antarktis umgekommen. Doch Arved Fuchs und seine drei Begleiter, zwei Männer und eine Frau, waren nicht schiffbrüchig, als sie im Jahr 2000 die Verzweiflungsfahrt Shackletons in dem originalgetreu nachgebauten sieben-Meter-Segelboot von Shackleton nachahmten. Nach einer dreiwöchigen Segelfahrt mit Orkanen folgte eine achttägige Durchquerung der Insel Südgeorgien zu Fuß, bei der die Abenteurer wiederum in einen heftigen Sturm gerieten.

Im Schatten des Pols Ernest Shackleton

Die auf Elephant Island gestrandeten Expeditionsteilnehmer 1916 (Foto: in wikimedia commons unter freier Lizenz (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elephant_island_party.jpg))

Nass, kalt, stürmisch, verzweifelt – 2000 freiwillig in Gefahr begeben
Tagelang nass und kalt unter Deck, wo sie sich nur gebückt aufhalten konnten, Schlafen mit dem Kopf neben dem Klodeckel, bei jedem sich neu aufbauenden Sturm Angst zu haben, das Boot könnte kentern – Fuchs beschreibt sehr lebendig und abwechslungsreich, wie es zur Reise kam und wie sie verlief. Er schildert die Stunden der Verzweiflung, berichtet von kohlrabenschwarzen Nächten zwischen Eisbergen, den unendlich lang erscheinenden Wachen an Deck und den Urgewalten der Stürme. Sehr gut dazwischen eingebaut erzählt er aber auch die dramatische Geschichte Shackletons, der über den Südpol marschieren wollte, aber schon lange davor im Eis sein Schiff aufgeben und um das Überleben kämpfen musste.

Shackleton an Bord der Endurance

Shackleton an Bord der Endurance (fotografiert von Frank Hurley) (Foto: in wikimedia commons unter freier Lizenz (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shack-endurance.jpg))

Sehr gutes Bildmaterial der Segelreise 2000
Eindrucksvolles Bildmaterial führt dem Leser die Segelfahrt vor Augen, zeigen aber auch die faszinierende Schönheit der südlichen Eislandschaft. Dazwischen sind immer wieder historische Bilder der Expedition von Shackleton 1914 bis 1916 zu sehen. Eines der für mich schönsten Bilder aber ist jenes der Video-Freak-Pinguine – aber lesen und schauen Sie doch selbst! Seefachmännisches Wissen schadet nicht, da Fuchs alle Manöver mit für Landratten unverständlichen Begriffen beschreibt, aber doch so, dass ich verstanden habe, worum es grundsätzlich ging. Technisch-optisch ist das Buch sehr gelungen und angenehm zu lesen.

Obwohl ich mit Segeln überhaupt nichts am Hut habe, Shackleton nur als Forscher vom Namen her kannte, wollte ich das Buch lesen. Ich war dann fasziniert von den packenden Beschreibungen einzelner Erlebnisse und der Genauigkeit der Information, soweit ich das als Laie beurteilen kann.

„Solange man in dem, was man tut und macht, niemanden gefährdet oder benachteiligt, ist das meiner Meinung nach eine völlig legitime Lebenseinstellung“
meint Arved Fuchs gegen Endes des Buches. Hat er wirklich niemanden gefährdet? Waren da nicht drei Mitreisende? Haben nicht alle Angehörige? Was, wenn sie in Seenot geraten wären und Rettungsmannschaften ihr Leben zur Rettung der vier Abenteurer riskieren hätte müssen? Es kam ja nicht dazu, also ist diese Frage ebenso müßig wie jene nach dem Sinn einer solchen Reise. Wie schreibt Fuchs? Journalisten sollen nicht urteilen, wenn sie nicht dabei waren. Ich urteile nicht, aber für die Vier kommt in mir auch keine Begeisterung auf. Wohl aber für das Buch, das einmalig ist.

Information
1. Auflage erschienen 2014 im Verlag Delius Klasing , 224 Seiten, 134 Farbfotos, 14 S/W Fotos, vierfarbige Abbildungen, zwei Karten, zwei Schiffsrisse, Format 21,6 x 24,6 cm, flexibel gebunden

Endurance

Das sinkende Expeditionsschiff Endurance im November 1915 (Foto: in wikimedia commons unter freier Lizenz http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Endurance_Final_Sinking.jpg)

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