Eine kleine Verlagsgeschichte: Aus 1 mach 225, 35 Jahre Michael Müller Verlag

Michael Müller 1982 in Vinha Velha, Portugal

Michael Müller 1982 in Vinha Velha, Portugal (Bildquelle Michael Müller Verlag)

Aufbruch ins Zeitalter der Reisebücher
1972 fuhr ich als 14-Jähriger mit dem Zug nach England auf Sprachurlaub. Nach Deal, einem Nest am Ärmelkanal nördlich von Dover. Ein Jahr später brachte mich eine Reise, wiederum mit dem Zug, nach Lyon, um meine Französischkenntnisse zu verbessern. Ich besuchte Le-Puy-en-Velay, den berühmten Ausgangspunkt des französischen Zubringers zum spanischen Jakobsweg. Aber davon hatte ich damals ebenso wenig Ahnung wie vom Powell-Cotton Museum in Birchington-on-Sea, das ich bei meinem England-Aufenthalt ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Denn es gab noch nicht allzu viele Reiseführer, meist waren es Kunstgeschichteführer. In dieser Zeit beginnt nun die Geschichte eines Reisebuchverlags, dessen Ausgaben ich erst viel später, zur Zeit meiner Reiseleitertätigkeit, schätzen gelernt hatte: des Michael Müller Verlags, der in Erlangen in Mittelfranken des Freistaates Bayern beheimatet ist.

Portugal Reisetipps  Michael Müller

Portugal Reisetipps erste Auflage 1979, das Bild zeigt die Fischerboote von Nazaré (Bildquelle Michael Müller Verlag)

Von der ersten Auflage des Portugal-Reiseführers zu einem 35-jährigen Reisebuchverlag
»Ungewöhnlich für die an ›normale‹ deutsche Zustände Gewöhnte sind die vielen Fußgänger, die (auch nachts!) auf den Straßen zwischen den Ortschaften unterwegs sind (Ähnliches habe ich so ausgeprägt nur im jugoslawischen Balkan in der Nähe der griechischen Grenze erlebt.) Noch mehr aufpassen sollte man mit den unbeleuchteten zweirädrigen Esels- und Ochsenkarren, die ab und zu in der Dunkelheit auftauchen.« Nein, nicht von einem fernen Kontinent ist hier die Rede, sondern vom europäischen Portugal. Aber Ende der 1970er war Portugal von Deutschland noch immer ein kleines Weltende entfernt.

Am anderen Ende der Welt saß ein 26-jähriger Mercedes-Mmechaniker, Michael Müller. Halbwegs unzufrieden mit seinem Beruf, ziemlich wild auf die Welt, die er noch nicht kannte. »Nach dem Ende der Diktatur 1974 sind viele junge Leute neugierig auf das Land geworden. Es gab einen regelrechten Solidaritätstourismus. Dazu kam die Nostalgie – in Portugal schien die Zeit in den 1950ern stehengeblieben zu sein und eigentlich geht es heutigen Lissabon-Touristen noch immer ein bisschen so.«

»Gegen Voreinsendung eines Schecks über 11,80 DM oder Postscheckkonto« konnte man sein »Portugal. Reisetips« beziehen: in erster Auflage 1979. »So ein richtiger Knaller wurde es zunächst nicht« erinnert sich der Selfpublisher von damals. Er belud seinen VW Käfer mit Büchern und tingelte von Buchhandlung zu Buchhandlung. »Die meisten wollten lediglich auf Kommission beliefert werden, und ich glaube, ich wurde mit meinem Schreibmaschinenlayout nicht richtig ernst genommen.« Seinen ersten Großkunden versorgt der gebürtige Ebermannstädter noch immer: die Geobuchhandlung Dr. Götze in Hamburg, die gleich 50 Exemplare abnahm. Nach einem Jahr waren 2.000 Portugal-Bücher verkauft. Ein Impuls, um die roten Zahlen auf dem Bankkonto zu ignorieren!

Michael Müller, der Mercedes-Mechaniker

Michael Müller, der Mercedes-Mechaniker (Bildquelle Michael Müller Verlag)

Ein Wohnbüro und eine Triumph-Adler
1981 erschien der zweite Band: »Toscana – Florenz, Elba, Umbrien«. 1982 kam der erste Bestseller der kleinen Bücherschmiede heraus, Eberhard Fohrers »Mit der Eisenbahn durch Europa«, das sogar ins Schwedische übersetzt wurde. Es folgten Titel wie »Bodensee«, »Sauerland« oder »Marokko«.

Was war das Neue an diesen Reisebüchern? Die Autoren, junge Männer und Frauen, denen es zu Hause zu eng wurde, nahmen einen unerwarteten Blickwinkel ein: Sie schlüpften in die Rolle der Reisenden, probierten aus, testeten. Am Ende ihrer mehrmonatigen Aufenthalte hatten sie aufgeschrieben, worüber die anerkannten damals Reisebuchverlage die Nase rümpften: individuelle Tipps für individuell Reisende.

Die Bücher entstanden im »Wohnbüro« des Verlegers auf einer »Triumph-Adler«, einer elektronischen Kugelkopfschreibmaschine, die einige Texthappen speichern konnte. Recherchiert wurde dort, wo die Reise stattfand. »Mein Budget war extrem klein« erzählt der fränkische Auto(schraube)r aus seiner Anfangszeit, »und eigentlich wollte ich per Anhalter nach Portugal kommen. Aber nach zwei Tagen mit dem Daumen habe ich es nur bis Lyon geschafft und mir dann ein Zugticket gekauft.« Unterwegs war der junge Verleger meist mit dem Bus, ein Unding, wenn man in etwas abgelegenen Regionen recherchieren oder Strände besuchen wollte.

Michael Müller mit erster Portugal-Ausgabe

Michael Müller mit erster Portugal-Ausgabe 1979 und der 21. Auflage 2014 (Bildquelle Michael Müller Verlag)

Milchkaffee dünn, aber Musik gut
Dieses „slowly travelling“ kam den Büchern wiederum sehr zugute. Die Abschnitte zur Anreise fielen 20 Jahre vor dem „WorldWideWeb“ geradezu episch aus. Selbst unter der Rubrik »Trampen« findet man launige Hinweise: »Lohnt sich bis zur spanischen Grenze, aber nicht weiter, da die Spanier nur ungern einen Fremden in ihren Wagen steigen lassen.« Gewertet wurde, wenn es um Kulinarik ging. Zum Restaurant Togi in Carvoeiro schrieb Michael Müller: »Es gibt portugiesische und französische Spezialitäten. Preise sind so saftig wie die Steaks.« Immerhin, in der umliegenden Kneipe Lo Maximo wäre der Milchkaffee zwar »dünn«, doch »die Musik gut (Pink Floyd)«.

Nicht nur wegen solcher Verweise lesen sich viele Auszüge des Verlagserstlings wie aus einer vergessenen Zeit. Ein kleiner Tipp für die »Diskotheken« in Porto: »Wenn ohne Freundin unterwegs, ist es besser, aus den letztgenannten Kneipen eine nette Portugiesin zum Tanzen mitzunehmen, denn ohne weibliche Begleitung wird man vielleicht nicht hineingelassen.« Sogar die Piktogramme und Zeichnungen, die anstatt von Fotos zu sehen waren, galten bald als kultig. Ganz gleich, ob es sich um einen »portugiesischen Beachboy« (1. Auflage 1979, S. 116), an Loriot-Figuren orientierte Kellner, eine schummrige Gasse im Lissabonner Nachtleben oder eine hübsche Badenixe zum Rio Cávado handelte.

Reisebücher von Reisenden für Reisende
Bis 2014 wurden aus diesem einen ersten „Portugal“-Buch 225, darunter City- und Wanderführer samt E-Books und Reise-Apps. Seit 2012 gibt der Verlag die zweitumsatzstärkste Reisebuchreihe (nach Marco Polo) heraus. Ehrliche »Reisebücher von Reisenden für Reisende« sind es geblieben.

Und »Portugal«? Das Urwerk mit seinen gerade mal 133 Seiten kommt inzwischen auf fulminante 816 Seiten. 2014 erschien die 21. Auflage, komplett in Farbe, mit herausnehmbarer Karte, noch immer vom Verleger selbst verfasst. Irgendwie auch ein Geburtstagsgeschenk zum 35-jährigen Verlagsjubiläum.

Der Michael Müller Verlag im Internet …siehe diesen Link
Rezensionen von mir:
… Korsika, Paris, Bretagne, Midi-Pyrénées, Normandie …siehe meine Literaturtipps Frankreich
… Rom …siehe hier
… Südtoscana …siehe hier… Barcelona …siehe hier
… Salzburg Salzkammergut …siehe hier

Michael Müller Verlag

einige Ausgaben des Verlags aus früheren Zeiten (Bildquelle Michael Müller Verlag)

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