Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

Titelbild des Begleitbuchs, das ich hier vorstelle (Bild Wien Museum - Christian Brandstätter Verlag)

Titelbild des Begleitbuchs, das ich hier vorstelle (Bild Wien Museum – Christian Brandstätter Verlag)

Wien | Wien Museum Karlsplatz |  Aus dem Hut gesprochen

Hüte bzw. Kopfbedeckungen bieten nicht einfach nur Schutz vor Wind und Wetter, sie sind auch Zeichen, Statements, Kommunikatoren. Man spricht über sie und – sie sprechen selbst: Sie plaudern von modischen Vorlieben, geben Auskunft über kulturelle und religiöse Zugehörigkeit, verraten politische Einstellungen und unterweisen in Sachen Rang und Stand. Denn – so könnte man frei formulieren – wie man sich „hütet“, so ist man.

Chapeau! eine Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz (bis 30. Oktober 2016) folgt diesem Gedanken und entwickelt eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes vom Revolutionsjahr 1848 bis in die Gegenwart. 

In fünf thematischen Schwerpunkten werden gesellschaftliche Prozesse reflektiert und Wiener Geschichte erzählt – vom Kopf her: Hüte als Zeichen der Macht, als Ausdruck des Wohlstands und der gesellschaftlichen Stellung; Kappen als Bestandteile von Berufsuniformen, als modische Accessoires oder als Merkmale einer politischen Haltung; Hauben, Kippot und Kopftücher als persönliche „Markenzeichen“ oder als Symbole religiöser und kultureller Identität. Sie alle erzählen Geschichten über ihre TrägerInnen und deren Verankerung in der Wiener Gesellschaft. Zentrales Anliegen der Ausstellung ist es, einen sozialwissenschaftlichen Blick auf Mode zu öffnen und Wiener Modegeschichte  als Sozialgeschichte lesbar zu machen.

Zu sehen sind rund 140 Objekte, darunter 100 Hüte und sonstige Kopfbedeckungen, ein Teil davon aus der Modesammlung des Wien Museums. Es werden etwa 80 Leihgaben von insgesamt 57 LeihgeberInnen gezeigt.

Ensemble von Hüten aus der Ausstellung © Wien Museum

Ensemble von Hüten aus der Ausstellung © Wien Museum

Das Buch zur Ausstellung ist zeitlos
Reich illustriert bietet es einen sehr guten Einblick in die Geschichte des Hutes

Dieses Buch ist als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum (bis 30. Oktober 2016) erschienen. Diese Ausstellung widmet sich anhand von ausgesuchten Kopfbedeckungen Themen der Wiener Geschichte von 1848 bis heute. Im Buch werden die verschiedenen Themen sowohl mit Text als auch mit Bildern dargestellt.

Hut auf – politische Köpfe erzählt von der machtpolitische Bedeutung von Kopfbedeckungen. Kopfbedeckungen waren auch immer Ausdruck in der Emanzipationsgeschichte. Davon berichtet „Hut ab? Kopfsache Emanzipation“. Von religiösen Vorschriften in Bezug auf Kopfbedeckungen kann man im Kapitel „Hüte dich! Religion auf den Köpfen“ nachlesen. Damals wie heute kann man am Kopf die Unterschiede der Wiener Stadtgesellschaft erkennen. Darüber mehr im Kapitel „Alter Hut, neuer Hut – verkopfte Identitäten“. Und schließend wird eingehend die Wiener Mode für den Kopf präsentiert. Diese hatte bis zum Ende der meisten Hutgeschäfte in den 1960er Jahre sehr gut floriert. Heute greift die Modeschule Hetzendorf wieder das Hutthema auf.

Aus 23000 Teilen besteht die Modesammlung des Wien Museums, darunter 1400 Kopfbedeckungen. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur eine sehenswerte Ausstellung daraus umgesetzt werden konnte, sondern auch das vorliegende Buch reich illustriert einen sehr guten Einblick in die Geschichte des Hutes, le chapeau im Französischen, bietet.

Hutmacher Shmuel Shapira (Szaszi-Hüte), Wien, 2007 © Ronnie Niedermeyer

Hutmacher Shmuel Shapira (Szaszi-Hüte), Wien, 2007 © Ronnie Niedermeyer

Ein kleiner Auszug

Revolutionshüte des Jahres 1848, z. B. der Hut der Akademischen Legion; Macht und Ohnmacht: Schirmkappe eines Untersturmführers oder Mütze eines KZ-Häftlings; Adele List, Wiener Hutmacherin meinte „All meine Kundinnen sind intelligente Frauen“ (weil sie Hut als einen modischen Schmuck sahen);  ein Priesterhut aus dem Jahr 1890 ist ebenso abgebildet wie ein Kopftuch eines Rastafari (etwa das Jahr 2005); viele Bilder sind seitenfüllend, dazwischen gibt es nostalgische Bilder, die Mode und Hutmode aus vergangenen Zeiten zeigen, Hausiererbücher und Hutgewerbescheine bekannter Hutsalonbesitzer in Wien und vieles mehr.

Selbst einem Laien wie mir wird dieses Buch sehr gut gefallen. Es ist lesbar, aufgelockert und übersichtlich gegliedert, die Bilder wie stets bei Brandstätter-Büchern von sehr guter Qualität und die Texte sind von 26 Fachautoren geschrieben.

Information
Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes
Wien Museum / Christian Brandstätter Verlag
Herausgeber Michaela Feurstein-Prasser und Barbara Staudinger
ISBN 978-3-7106-0064-7

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