Der Einsturz des Glockenturms von Venedig 1902

Die Ruine des am 14. Juli 1902 eingestürzten Campanile in Venedig. Bildquelle: Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

20. November 2021 | Der Markusturm (italienisch „Campanile di San Marco“) gilt als Symbol der italienischen Lagunenstadt Venedig. Er ist eben kein gewöhnlicher „Campanile“ (Glockenturm). Warum, das erzähle ich in diesem Beitrag.

Warum in Italien die Kirchtürme neben den Kirchen stehen

In Italien wurden einst die Kirchtürme deshalb extra errichtet, da die Kirchenbauten bis spät ins Mittelalter hinein sogenannte Basilika-Kirchen waren. Sie hatten sich aus antiken römischen Säulenhallen entwickelt. Nachdem die christliche Religion im römischen Reich zugelassen worden war, stellte der römische Staat bestehende offene Säulenhallen als Gotteshäuser zur Verfügung. Im Laufe der Zeit erhielten diese Gebäude Seitenwände und wurden zu geschlossenen Gotteshäusern.

Doch zurück zu unserem Markusturm.

Erdbeben, Blitzeinschläge und anderes mehr

Der Markusplatz in Venedig mit der Markuskirche und rechts dem Campanile. Ansichtskarte gelaufen 1913. Bildquelle: Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Der 98,6 Meter hohe Markusturm ist der Kirchturm des Markusdomes, der gegenüber neben dem Dogenpalast steht.  Er ist das höchste Gebäude in Venedig und steht an der nordöstlichen Ecke des langgestreckten Gebäudes der Bibliothek von San Marco.  Hier treffen die kleine „Piazzetta“ vom Meer her und der große Markusplatz zusammen.  Begonnen wurde der Bau zwischen 888 und 911, mehrmals umgebaut und erhöht, bis er 1152 vorerst vollendet war.  Denn damals war er erst 60 Meter hoch und wurde später immer wieder erhöht. Seine Uhr schlug nicht nur die Stunden, sondern diente auch als landfestes Seezeichen für Schiffe – er hatte die Funktion eines Leuchtturms. Nachts erhellte ihn ein Feuer und tagsüber war sein vergoldetes Dach weithin sichtbar.

Immer wieder wurde der Turm durch Erdbeben erschüttert, stürzte dadurch jedoch nie ein. Anlässlich der Siegesfeier über die Genuesen 1403 brach ein Feuer aus, bei dem die Turmspitze abbrannte. In die neue vergoldete und erstmals mit Kupfer beschlagene Turmspitze schlug dann 1489 der Blitz ein und zerstörte sie abermals. Die Statue des Erzengels Michael auf seiner Spitze kam erst im 16. Jahrhundert dort hinauf. Nachdem die Statue des Erzengels montiert war, gab es weitere Blitzeinschläge. Erst 1776, zwei Jahrzehnte nach der Erfindung des Blitzableiters von Benjamin Franklin (einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika), brachte man endlich einen Blitzableiter ein.

Dann kam der Juli 1902

Die Ruine des am 14. Juli 1902 eingestürzten Campanile in Venedig. Bildquelle: Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Anfang Juli 1902 hatte man Risse im Turm entdeckt, doch schenkte man ihnen keine besondere Beachtung. Dann, am 14. Juli, es war um 09:30 Uhr vormittags, stürzte der tausendjährige Turm in sich zusammen. Der Trümmerhaufen erreichte eine Höhe von 30 Meter.  Das in Wien erscheinende „Fremden-Blatt“ schrieb in seiner Ausgabe vom 15. Juli:

Der Glockenthurm von San Marco riß im Falle die „Loggetta von Sansovino“, einen Bogen der Prokurazien und den Bibliotheksaal des Palazzo Reale mit. Da der Einsturz vorausgesehen worden war, hatte man einige Minuten vorher den Platz räumen lassen. Einige Personen wurden dessenungeachtet leicht verletzt.

Weiters berichtete das „Fremden-Blatt“:

Als gestern die große Gefahr erkannt wurde, wurde schleunigst eine Baukommision zur Untersuchung des Zustandes des Thurmes entsendet. Mit aller Vorsicht ging die Kommission ans Werk und stellte fest, daß der Thurm thatsächlich äußerst baugebrechlich sei und die Gefahr eines Einsturzes
drohe, wenn nicht sofort Pölzungen und dann ausgiebige Rekonstruktionsarbeiten ausgeführt werden. Das Konzert auf der Piazetta, welches eben beginnen sollte, und zu dem sich eine vielhundertköpfige Menge eingefunden hatte, wurde sofort eingestellt und das Publikum in entsprechender Entfernung vom Thurme gehalten. Die Familie des Thürmers, die hoch oben auf dem Thurm wohnt und allen Fremden wohlbekannt ist, wurde sofort delogirt. […] Um jede Erschütterung, die den Einsturz hätte beschleunigen können, hintanzuhalten, wurde das Mittagszeichen – ein Schuß vom Lido — eingestellt, ebenso das Läuten der Glocken aller umliegenden Kirchen.

„Papà fiel wie ein Gentleman“ bezeichneten die Venezianer das Ereignis, weil er doch niemanden erschlagen und auch weder dem Platz noch der angrenzenden Bibliothek größeren Schaden zugefügt hatte. Der Campanile von San Marco gilt als Vater vieler Stadtviertel-Glockentürme in Venedig. Am Markustag, den 25. April 1903, begann man mit dem Wiederaufbau, der am 25. April 1912 fertiggestellt – am Markustag – eingeweiht wurde.

Ein Beitrag im „Das interessante Blatt“ aus Wien, Ausgabe vom 24. Juli 1902. Bildquelle „ANNO historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften“, digitalisiert von der Österreichischen Nationalbibliothek.
Ein Beitrag im „Das interessante Blatt“ aus Wien, Ausgabe vom 24. Juli 1902. Bildquelle „ANNO historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften“, digitalisiert von der Österreichischen Nationalbibliothek.

Noch einmal geriet der Campanile in die Schlagzeilen. Nämlich als 1997 venezianische Separatisten den Campanile besetzten und die Unabhängigkeit Venedigs forderten. Acht Männer hatten um Mitternacht eine Fähre gekapert und gingen mit ihrem Panzerfahrzeug aus dem Ersten Weltkrieg am Markusplatz an Land. Nachdem sie kampflos den Glockenturm „erobert“ und die Fahne der Republik Venedig gehisst hatten, nahm sie die Polizei in der Früh fest.

Blick auf San Marco in Venedig: Links der Campanile, in der Bildmitte vorne der Dogenpalast, dahinter ragen die Kuppeln der Markuskirche in die Höhe. Ansichtskarte, gelaufen 1918. Bildquelle: Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Im Karneval von Venedig spielt der Turm ebenfalls noch eine Rolle.  1548 wurde erstmals der sogenannte Engelsflug ausführt, der noch heute eine Attraktion des Karneval darstellt: ein Akrobat kletterte über ein in der Bucht vor dem Markusplatz an einem Floß verankertes doppeltes Seil bis zur Spitze des Campanile und warf von dort aus Blumen in die Menge. Heute wird der Akrobat durch ein Stahlseil gesichert.

Der „Campanile San Marco“ und der Dogenpalast (Bildmitte) im Sommer 2021. Bildrechte Wolfgang Seifert.

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